Vögel und Fensterscheiben

Vögel sehen anders als Menschen. Transparente und reflektierende Glasflächen nehmen sie kaum wahr und können sie nicht als Hindernis erkennen. Wolkenspiegelung in FensterscheibenWenn sie im Flug dagegen prallen, dann verletzen sie sich oft schwer oder kommen sofort durch Genickbruch zu Tode.

Untersuchungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass Glasscheiben – nach der allgemeinen Lebensraumzerstörung und noch vor dem Straßenverkehr – vermutlich die häufigste menschengemachte Todesursache bei wild lebenden Vögeln in Europa darstellen.

Problem: Durchsichtigkeit und Spiegelungen

Landschaftsspiegelung in FensterscheibenGlas wird schon lange für Fenster verwendet. Große Flachglasscheiben fanden aber erst im 20. Jahrhundert weite Verbreitung. Dann hielten u.a. Wärmedämmverglasung und Verbundglas Einzug in die moderne Architektur. Sie ermöglichten den Bau fast vollständig von Glas geprägter Fassaden („Glasarchitektur“) sowie diverser anderer Glaselemente (durchsichtige Lärmschutzwände, Fahrradunterstände usw.).

Transparente Glasscheiben eines Bushaltestellen-WartehäuschensProblematisch sind transparente und saubere Scheiben, weil durch sie hindurch dahinter liegenden Landschaftselemente, der Himmel oder auch „Zimmerpflanzen-Gebüsche“ ungetrübt zu sehen sind. Dies ist u.a. bei vielen Wintergärten, Balkonen oder gläsernen Wartehäuschen der Fall. – Auch Menschen kennen dieses Problem, wenn sie z.B. Glastüren moderner Geschäftsgebäude nicht rechtzeitig erkennen und dagegen laufen.

Reflektierende Glasfassade eines BürogebäudesEbenso problematisch sind viele getönte und alle spiegelnden Scheiben, die die davor befindliche Umgebung oder den Himmel reflektieren. Bei bestimmten Lichtverhältnissen kann es außerdem zu Blendeffekten kommen (direkte Sonnenreflexion). Vögel erkennen die Spiegelung nicht als solche und fliegen auf die vermeintlich freie Landschaft und das helle Licht zu. Besonders große und südexponierte Glasfassaden sind daher regelrechte „Vogelfallen“.

Ein lauter Knall, und dann? – Erste Hilfe

Totes junges RotkehlchenWenn ein Vogel vor eine Scheibe fliegt, dann hören Sie oft ein lautes Aufprallgeräusch. Die meisten Vögel sind sofort tot. Ihre Körper werden meist schnell von anderen Tieren verschleppt, so dass höchstens ein paar Federn am Ort des Geschehens verbleiben.

Einige Vögel können die Kollision überleben. Etliche von ihnen sterben dennoch kurz darauf (innerhalb der nächsten Stunden oder Tage), v.a. an inneren Blutungen. Ausführliche Informationen zu typischen Verletzungen gibt es bei der Wildvogelhilfe.

Sichtbar verletzte Vögel (gebrochene Flügel o.ä.) haben meist auch schwere innere Verletzungen. – Legen Sie den Vogel vorsichtig in einen Pappkarton mit Luftlöchern und bringen ihn umgehend zum nächsten Tierarzt. Dieser muss dann entscheiden, ob und wie zu helfen ist. Die Heilungschancen sind in vielen Fällen leider nur gering.

Äußerlich unverletzte Vögel hocken oder liegen erstmal ziemlich benommen auf dem Boden, haben eine Art Schock, flüchten nicht und atmen sichtbar schwer. Teils haben sie den Schnabel permanent geöffnet. Sie haben fast immer eine Gehirnerschütterung. Dieser reglose Zustand kann mehrere, meist 1–2 Stunden anhalten, ehe der Vogel sich „berappelt“ und dann (oft recht plötzlich) wieder davon fliegt.

Was zu vermeiden ist:

  • Versuchen Sie nicht, einem regungslosen Vogel etwas einzuflößen. Er kann daran ersticken und braucht in dieser Situation weder Wasser noch Nahrung, sondern Ruhe.
  • Berühren und drehen Sie den Vogel nicht unnötig. Jede Fremdbewegung kann bestehende Verletzungen verstärken. Gerade Kinder neigen dazu, verletzte Tiere streicheln („trösten“) zu wollen. Bitte erklären Sie ihnen, warum das nicht gut ist.

Was zu tun ist:

  • Grundsätzlich können Sie (sofern nötig) das Tier ruhig mit bloßen Händen anfassen, denn Vögel haben keinen sonderlich ausgeprägten Geruchssinn.
  • Wenn sich der Vogel an einem geschützten Ort befindet (z.B. auf einem Balkon), dann lassen Sie ihn einfach in Ruhe und warten ab. Lediglich die Rolläden sollten Sie herunter lassen oder die Fenster anderweitig abdecken, so dass er beim Starten nicht erneut gegen eine Scheibe fliegt. Andere potenzielle Hindernisse (Stühle, Tisch usw.) möglichst wegräumen.
  • Wenn sich der Vogel an einem gefährlichen Ort befindet (Bürgersteig, Garten mit streunenden Katzen usw.), dann legen Sie ihn vorsichtig in einen Pappkarton mit Luftlöchern und stellen ihn in einen dunklen Raum.
    • Ein Käfig ist nicht geeignet, weil der Vogel nach dem „Aufwachen“ zu flüchten versuchen wird (Verletzungsgefahr).
    • Zum Anheben eines liegenden Vogels können Sie ein Blatt Papier o.ä. verwenden, auf das Sie ihn schieben. So vermeiden Sie unnötige Genickbewegungen.
    • Nach gut zwei Stunden Wartezeit tragen Sie den Karton ins Freie (entfernt von Glasscheiben) und öffnen ihn. Bitte schauen Sie nicht schon im Hausinnern nach, wie es dem Vogel geht. Sie riskieren sonst, dass er beim Flüchten erneut gegen eine Scheibe fliegt.
  • Lebt der Vogel noch, hat sich aber nicht erholt und startet nicht, dann bringen Sie ihn zum nächsten Tierarzt.

Problemlösungen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Vogeltod („Vogelschlag“) durch Glasflächen zu vermindern.

Immer noch verbreitet sind einzeln angebrachte Greifvogelsilhouetten – allerdings sind diese weitgehend wirkungslos. Vögel erkennen in den solchen Aufklebern offenbar keine Feinde; schließlich bewegen sie sich nicht. Genauso gut kann man also ein Elefantenbild ans Fenster kleben. Die Flecken werden unabhängig vom Motiv nur allgemein als kleinflächiges Hindernis wahrgenommen, und die Vögel fliegen dann knapp daneben gegen die Scheibe.

Einfache Maßnahmen, die jeder umsetzen kann:

  • Nistkästen, Futterhäuschen, Meisenknödel usw. nur im Garten, nicht in direkter Nähe von Glasscheiben anbringen. Besonders Futterstellen auf Südbalkonen ohne entsprechende Schutzvorkehrungen an den Fenstern führen dazu, dass die Vögel, denen eigentlich geholfen werden soll, unbeabsichtigt in den Tod gelockt werden.
  • Fenster seltener putzen. Das verringert die Gefahr zumindest zeitweise etwas. Staub auf Glasscheiben reduziert Spiegelungen und macht sie als flächige Hindernisse erkennbar.
  • Außen angebrachte Fliegengitter bieten einen sehr effektiven Schutz.
  • Markisen und Sonnenschirme können spiegelnde Fenster ebenfalls beschatten.
  • Fensterdekorationen aller Art auf der Fensteraußenseite reduzieren die Gefahr.
  • Von innen zugezogene Gardinen, Jalousien u.ä. verhindern zwar keine Spiegelungen, können die Probleme aber ein bisschen reduzieren.

Im Handel werden außerdem diverse Hilfsmittel (u.a. Klebestreifen, Klebefolien, spezielle Filzstifte, Schutznetze) sowie Spezialglas angeboten. Häufig wird dabei die Tatsache genutzt, dass viele (aber nicht alle) Vogelarten im ultravioletten (UV) Bereich sehen können, Menschen hingegen nicht. Die Wirksamkeit einiger dieser Produkte ist umstritten, u.a. weil eben nicht alle Vögel den UV-Bereich wahrnehmen können.

Die folgenden Publikationen bieten nähere Informationen:

Einige fachliche Hintergründe gibt es u.a. bei der →Wiener Umweltanwaltschaft.

Spezialfall „Spiegelfechter“

Blaumeise als „Spiegelfechter“Manchmal kommt es vor, dass ein Vogel immer wieder an eine Fensterscheibe pickt („klopft“) und stundenlang aggressiv vor dem Glas herum flattert. Dieses Phänomen tritt bei vielen Vogelarten auf – üblicherweise in der Brutzeit, nur selten (bei Rabenvögeln) auch ganzjährig. Betroffen sind insbesondere Fenster von Wohnhäusern in Gärten, die einem Vogelpaar als Brutrevier dienen, aber auch Rückspiegel und getönte Scheiben von Autos, die in der Nähe eines Brutplatzes geparkt sind.

Ursache ist bei reflektierenden Glasscheiben, dass ein Tier in seinem eigenen Spiegelbild einen Konkurrenten erkennt und diesen aus seinem Revier zu vertreiben versucht. Da Spiegelungseffekte von der Besonnung abhängig sind, tritt „Spiegelfechten“ in der Regel nur zu bestimmten Tageszeiten auf.

Durch ihr Verhalten verletzen sich die Vögel nur selten. Sie sind jedoch hohem Stress ausgesetzt. Aus menschlicher Sicht lästig sind Verschmutzungen sowie Schäden an Fensterleisten und Dichtungen, die durchs Bepicken entstehen können (zumindest bei größeren Vögeln und empfindlichen Materialien). Teilweise wird auch das Klopfen selbst als störend empfunden, gerade in den frühen Morgenstunden an Schlafzimmerfenstern.

In den meisten Fällen stellt der kämpfende Vogel sein Verhalten nach einigen Tagen oder Wochen von selbst wieder ein und das Problem tritt in den Folgejahren nicht erneut auf. Für die meisten Menschen bleibt dieses Verhalten daher ein einmaliger „Spuk“. Nur in Einzelfällen erweisen sich bestimmte Fenster als regelrechtes Dauerproblem (langjährig, mehrere Vögel).

Kurzfristige Abhilfe schaffen alle Maßnahmen, die die ursächliche Spiegelung an der Fensteraußenseite unterbinden. Neben dauerhaften und/oder kostenträchtigen Lösungen (Schutznetze, Klebefolien, Klebestreifen, im Extremfall Einbau anderer Fenster) bieten sich folgende Tipps für den ersten „Hausgebrauch“ an:

  • Grundsätzlich sind außen angebrachte Fliegengitter sehr effektiv. Der Zusatznutzen „Schutz vor Insekten“ macht sie meist zum Mittel der Wahl.
  • Häufig reicht es auch schon, für einige Tage die Rolläden zu den fraglichen Uhrzeiten herunter zu lassen.
  • Falls Sie keine Rolläden haben, dann halten Sie ergänzend zu den folgenden Maßnahmen innen die Gardinen oder Jalousien geschlossen.
  • Sie können ein altes Bettlaken nach außen übers Fenster hängen oder die Scheibe außen für eine Weile mit einer größeren Pappe, alten Zeitungen o.ä. zukleben.
  • Wenn Sie ein Sonnenschutzmittel zur Hand haben (ideal: Lichtschutzfaktor 30 oder höher), dann können Sie das Fenster damit bestreichen oder einsprühen. Zum Tragen kommt dabei, dass viele Vogelarten (aber nicht alle!) im UV-Bereich sehen können. Die Scheibe sieht dann zwar nicht mehr blitzblank aus, dafür ist das Mittel einfach wieder zu entfernen (beim Putzen oder beim nächsten Regen).
  • Falls Sie Kinder im Haus oder Freude an farbiger Fenstergestaltung haben, dann nutzen Sie dekorative Materialien (Dekorspray, Fenstermalfarben, wieder ablösbare Motivaufkleber usw.) möglichst flächig und außen.

Probieren Sie es einfach aus. Abhängig von den örtlichen Gegebenheiten kann es eventuell zu Ausweichverhalten kommen und der Vogel macht an einem benachbarten Fenster weiter. Dann müssen Sie auch dort entsprechend vorgehen.

Veröffentlicht on 3. März 2012 at 10:16  Kommentare deaktiviert für Vögel und Fensterscheiben  
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